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Bergbautechniken der Renaissance in Sainte-Marie-aux-Mines
von Frédéric LATASSE
Das Bergbaugebiet von Sainte-Marie-aux-Mines ist berühmt für die Vielfalt der dort gefundenen Mineralien, aber ebenso für die erhaltenen Spuren des historischen Bergbaus. Diese Relikte illustrieren beinahe tausend Jahre Geschichte, vom 10. Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anhand dieser Zeugnisse läßt sich ein vollständiger Überblick über die benutzten Bergbautechniken und deren Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte gewinnen.
Unter den verschiedenen großen Epochen der Bergbaugeschichte von Sainte-Marie-aux-Mines nimmt das 16. Jahrhundert einen herausragenden Platz ein, und zwar sowohl bezüglich des Umfangs der Arbeiten als auch wegen des hohen technologischen Standards der Erzförderung.
Die spektakulärsten und "ästhetischsten" Elemente des örtlichen Bergbauerbes sind gewiß diejenigen, die mit dem eigentlichen Aushöhlen der Stollen und Schächte zu tun haben. Darüber hinaus hat die Feinuntersuchung des Grubennetzes durch Höhlenarchäologen, ergänzt durch eine Erschließung der Archiv- und Bildquellen, jedoch auch eine technologische Meisterschaft unserer Vorfahren zutage gebracht, von der man noch vor dreißig Jahren kaum etwas ahnte.
Die vor Ort gefundenen Relikte sind oftmals in einem außergewöhnlich guten Erhaltungszustand. Mit ihrer Hilfe können wir einen vollständigen und synthetischen Überblick über die wichtigsten Probleme gewinnen, die in einem Bergwerk auftreten: Beförderung des Abbaumaterials durch den systematischen Einsatz von Rollwegen, Einrichtung und Befestigung senkrechter Grubenpartien dank eines Ausbaus mit Schachtholz, Belüftung durch das Einziehen von Zwischendecken und schließlich die Grubenentwässerung, mit der man gegen die schlimmste Geißel in einem Grubenbetrieb kämpfte - gegen das einsickernde Wasser.


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Die Grube " Rouge Myne Saint-Nicolas de la Croix "
in einer zeitgenössischen Darstellung
von H. Gross
Das Aushöhlen der Stollen und Schächte :
Zu den wichtigsten Besonderheiten der Gruben von Sainte-Marie zählt zweifellos, daß der Berg "per Hand" ausgehöhlt wurde, das heißt, "mit Schlägel und Eisen". Ein Bergwerksnetz von fast 200 Kilometern Länge ist auf diese Weise in den Fels gehauen worden, wobei man pro Tag wenige Zentimeter oder höchstens ein paar Dezimeter vorankam!

Diese Technik war schon im Mittelalter verwendet worden. Sie wurde bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts beibehalten und dann in Sainte-Marie zunehmend aufgegeben, nachdem im 18. Jahrhundert der Einsatz von Sprengstoff allgemein üblich geworden war.

Die Technik wirkt auf den ersten Blick ziemlich archaisch: um den Berg auszuhöhlen, bedient sich der Bergmann eines Bergeisens (das ist eine Art Meißel mit Stiel), die er mit einem simplen Schlägel (Hammer) in den Fels treibt, und das Stunden über Stunden.

Eine genauere Analyse dieser Methode zeigt jedoch, daß eine solche Technik der speziellen Arbeitsaufgabe völlig angemessen ist. Sicher kommt der Bergmann nur langsam voran, aber seine Arbeit ist methodisch, wohlkontrolliert und enorm effizient:
Einerseits kann er genau entscheiden, wieviel Gestein abgetragen werden soll. Er bearbeitet nur die Felspartien, die für den Ausbau des Stollens weichen müssen. Wenn das Gestein hart ist, ähnelt dies mehr der Arbeit eines Skulpteurs, als daß es ein simpler Abhieb von Steinmassen wäre. Paradox ist, daß man gerade in solchen Gesteinstypen auf die architektonisch perfektesten Werke trifft. Zahlreiche unter ihnen sind wahre Meisterleistungen! Die Form der Stollen ist standardisiert: im allgemeinen wirken sie schmal (ca. 55 cm Breite) und hoch (im Durchschnitt zwischen 1,80 m und 2,40 m), und im Schnitt ähneln sie einem "abgestumpften Spitzbogen", was typisch für die polymetallischen Gruben der Renaissance in den deutschen Bergbaugegenden ist.
 
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 27.06.2007