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Eine kurze Geschichte der Bergwerke von Sainte-Marie-aux-Mines
von Pierre FLUCK
Die Abbildungen sind dem Buch MINERAUX ET MINES DU MASSIF VOSGIEN von Jean-Luc HOHL
entnommen und werden hier mit Genehmigung des Autors reproduziert.
Durch das Val de Lièpvre verlief zwar bereits seit keltischer Zeit eine Route zur Überquerung der Vogesen, aber es deuten keine Funde darauf hin, daß es schon damals Bergbauaktivitäten gegeben hat. Erst im 10. Jahrhundert dürfte die Geschichte der Gruben begonnen haben. Die Anfänge sind wahrscheinlich eng verbunden mit der Entwicklung des Klosters Echery. Die Chronik des Richer de Senones aus dem Jahre 1265 teilt uns nämlich mit, daß ein Mönch namens Blidulphus dieses Kloster etwa im Jahre 938 gründete. Degermann hat im Jahre 1895 eine richtiggehende Textexegese dieser alten Dokumente vorgenommen und ist zu der sehr stichhaltigen Hypothese gelangt, daß es Mönche waren, welche die früheste Ausbeutung der Bergwerke organisiert und geleitet hatten, und zwar im Auftrag und zugunsten der Herren von Echery, die sich eben dort angesiedelt hatten.

Was sagt nun die Archäologie dazu? Wenn man die Höhen des Altenbergs durchstreift, eine der drei wichtigen Bergwerkszonen um Sainte-Marie, ist man überrascht, wie viele Trichter von eingestürzten alten Schächten es dort gibt. Sie reihen sich entlang der Erzadern wie die Perlen eines Rosenkranzes aneinander. Mehrere von ihnen sind im Jahre 1987 mit der Karbon-14-Methode datiert worden, bei der während der Ausgrabungen wieder ans Tageslicht beförderte Holzkohlestücke untersucht wurden. Diese Datierungen ergaben ein mögliches zeitliches Spektrum, das von 895 bis 980 reicht, wobei der Mittelwert nicht zufällig auf das Jahr 937 fällt!

Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken!
Bildtafel aus der "Kosmographie"
von Sebastian Münster
Lateinische Ausgabe von 1550
Bibliothek des Katholischen Priesterseminars
von Strasbourg

Man erkennt darauf den Schürfer mit seiner Wünschelrute (Virgula divina), die Haspeler, welche die Seilwinden drehen, den Häuwer, sowie den Säuberer, welcher den Abraum fortschafft. Unten Links bricht ein Bergmann unter den Augen seines Chefs grosse Blöcke entzwei.
Aber diese mittelalterliche Bergbauperiode ist sehr schlecht durch Schriftzeugnisse dokumentiert; die Angaben sind ungewiß und fragmentarisch. In einem solchen "Nebel" muß alle Hilfe von der Archäologie kommen. Diese bezeugt uns denn auch außer den schon erwähnten alten Schächten die Existenz von ganz typischen unterirdischen Stollen, von Höhlungen, in denen Erz gehauen wurde, von Grubenanlagen mit Gießereien und hydraulischen Vorrichtungen. All das fand sich am Altenberg, einer Zone, die durch silberhaltige Bleiadern gekennzeichnet ist.

Seit 1987 haben sich die Datierungen vervielfacht. Sie bestätigen, daß es etwa im 11. und 12. Jahrhundert ein Goldenes Zeitalter des Bergbaus gab, und scheinen auch von einer technologischen Revolution am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts zu zeugen. Erst mit der Rezession des 14. Jahrhunderts sinkt anscheinend alles wieder zurück ins Dunkel. Nach dem Erlöschen der Familie der Herren von Echery im Jahre 1381 teilen die Herzöge von Lothringen und die Herren von Rappoltstein in einem von 1399 datierenden Vertrag das Tal untereinander auf. Diese Teilung sollte für die gesamte neuzeitliche Geschichte der Bergwerke bestimmend werden. Mit dem ersten Dokument, das von einer Wiederaufnahme des Bergbaus zeugt, setzt auch die Renaissanceepoche ein. Es handelt sich um eine Vereinbarung zwischen Wilhelm von Rappoltstein und dem österreichischen Erzherzog Sigismund aus dem Jahre 1486. Sie regelte die Aufteilung der Gewinne, welche die Ausbeutung aller noch zu entdeckenden Metalle im Herrschaftsbreich derer von Rappoltstein erbringen könnte. Dazu muß man anmerken, daß die benachbarten Herzöge von Lothringen auf ihrer Seite bereits sehr reiche Erzadern wiederentdeckt hatten und daß diese Vereinbarung von 1486 vor allem ein Zeichen dafür war, daß der Erzherzog die Herren von Rappoltstein beschützen wollte, falls die Begehrlichkeit der lothringischen Herzöge so groß werden sollte, daß sie den Grenzfluß Lièpvrette überschritten.
 
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 27.06.2007